Leseprobe: Kinder der Morgendämmerung
Teil 1, Kapitel I
»Wer im Verlorenen Land allein, ohne Begleitung wandert, dem hat Hanuman, Behüter der Narren, Verrückten und Kinder, offensichtlich den Verstand vernebelt; oder jemand hat deutlich zu viel und zu lange Áfrasankraut geraucht; oder hat sich auf eine komplett wahnwitzige Wette eingelassen. Möglicherweise folgt das eine aber auch aus dem anderen!«
Anshana se Jalandhar, Memoiren einer Narasimha, angefüllt mit dreißig Jahren Lebenserfahrung. Wie ich zur Verführerin, zur Betrügerin und zur meist gehassten und doch verehrten Narasimha in Svarajya Chatur wurde. Eine Lebensbeichte in zehn Kapiteln.
Der Schlamm des Moores saugte sich bei jedem Schritt fest, umschmeichelte mit seinem Schmatzen den einsamen Wanderer, liebkoste seine Lederstiefel und wollte ihn zu sich in eine ewige Umarmung einladen. Dennoch bewegte sich die Gestalt im Nebel ungehindert vorwärts, zögerte kein einziges Mal oder kam ins Schwanken. Ringsumher war kaum etwas zu hören. Der Nebel verschluckte jedes Geräusch. Nur das gelegentliche Blubbern des Moores und der vereinzelt erklingende Ruf eines Vogels durchbrachen die Stille, in der Ferne brummte und schnaubte ein großes Tier.
Der Wanderer war von oben bis unten in dunkles Erdbraun gewandet. Er trug Leinen und Leder, hier und da blinkte matt eine bronzene Schnalle. Sein Kapuzenumhang war an den Enden ausgefranst. Alles war mit Schlamm bespritzt: von den Stiefeln, über die durch eiserne Kettenringe verstärkten Fingerhandschuhe und den Umhang, die Scheide für den Khanda und den kleineren Katar an seiner Seite bis hin zum schmucklosen, karmesinrot bemalten Buckelschild, den er auf dem Rücken trug.
Das sumpfig-moorige Land erstreckte sich flach vor dem Wanderer. Der Pflanzenbewuchs bestand aus zähen Gräsern, vereinzelten Büschen und noch selteneren kahlen und krumm gewachsenen Bäumchen.
Der Wanderer kämpfte sich weiterhin unbeeindruckt durch den Morast.
Als Shandára am höchsten stand, tauchte aus dem Nebel eine Anhöhe auf, die ein wenig aus der Eintönigkeit des Sumpfes hervorragte. Hier legte er eine Rast ein, schnallte sich den Buckelschild und den Leinensack ab und entnahm diesem ein karges Mahl aus Fladenbrot und einem in ein Blatt gewickelten Reiskuchen und schnitt ein kleines Stück von einem gebratenen Hasen ab, den er vor zwei Tagen gejagt hatte. Schließlich aß er noch eine getrocknete Aprikose.
Er beendete sein Mahl und spülte es mit einem Schluck aus seinem Wasserschlauch hinunter. Danach setzte er die Kapuze ab. Ein schmales, dunkelbraunes Gesicht mit fein geschnittenen, regelmäßigen Zügen kam darunter zum Vorschein. Der Wanderer betrachtete ruhig die Landschaft, schloss irgendwann die Augen, wandte sein Gesicht der blass durch den Nebel durchscheinenden Shandára zu, sodass zwei kreisrunde goldene Ohrringe in deren Licht aufblitzten, und saugte ihre Wärme in sich auf.
Wie hatte es nur so weit kommen können, dachte er. Dieses von allen Asú verdammte Áfrasankraut! Aber eigentlich lag das Problem tiefer. In seiner Seele schwelte eine unbestimmte Furcht vor etwas, das er nicht zuordnen konnte, etwas Unbestimmbares, Nebulöses, vermutlich aus seiner Vergangenheit stammend, das in den Schatten lauerte und die Dunkelheit des Asú Yama atmete. Die Furcht bestimmte zum vollen Leliondár seine Träume. Träume, deren Inhalt seinem wachen Sein verborgen blieb, die ihn jedoch in Schweiß gebadet und nicht selten schreiend erwachen ließen. Etwas, das er mithilfe des Áfrasankrautes zu ersticken versuchte. Erfolglos. Oder sollte er besser sagen: Durch das Kraut wurde alles nur noch schlimmer!
Jedenfalls watete er nun durch diesen Schlamm, inmitten des Verlorenen Landes. Das hatte er seiner Dummheit, seinem übermäßigen Gebrauch des Áfrasankrauts und einer Wette zu verdanken. Anshana se Jalandhar hätte ihn lauthals ausgelacht, aber sie hätte so kleine Narasimha, wie er einer war, nicht beachtet, würde sie noch leben.
Er setzte die Kapuze auf, packte seine Habseligkeiten zusammen, schnallte alles auf seinen Rücken und kämpfte sich erneut durch den Schlamm, kraftvoll zwar, doch voller Selbstvorwürfe. Denn wegen seiner Albträume zum vollen Leliondár hatte er im Loch jedes Mal sowohl mehrere Stumpen Áfrasankraut geraucht als auch mehrere Tassen Tee des Krauts getrunken, um sich zu betäuben. Was nicht zu empfehlen war! Zum vorletzten Leliondár hatte sich dann Artabásdos unerwartet und unerwünscht neben ihn in die Kissen gesetzt und hatte ihm ein Angebot vorgetragen.
* * *
Der Narasimha Artabásdos lief durch die Straßen der Hafenstadt Nashik. Ursprünglich stammte er aus den Vororten Byzantions, lebte aber schon eine ganze Weile in Nashik, das zu Svarajya Chatur gehörte.
Die Stadt berührte im Nordwesten den Inneren Ozean und dort befand sich auch der Hafen. Aus dem Osten floss der Godavari durch die Stadt und ergoss sich ins Meer, aus dem Südwesten der Chapora. Nashik war eine Stadt des Handels und des Weinanbaus. Händler befuhren den Inneren Ozean, um mit den Insulanern, wie man die Bewohner der Inseln im Inneren Ozean nannte, Handel zu treiben sowie mit zweien der Vier Reiche und mit den Byzantinern, deren Gebiete ebenfalls an den Inneren Ozean angrenzten.
Artabásdos blickte sich um und sah in der Ferne die Hügel, die Nashik umrahmten. Hier gedieh der Weinanbau, der durch das warmgemäßigte Klima begünstigt wurde. Der Wein zählte zu den besten und damit auch zu den teuersten in ganz Svarajya Chatur und wurde, außer in das Verlorene Land und das Gebiet der Krack, in die entferntesten Ecken von Vishva transportiert und verkauft. Er selbst bevorzugte allerdings den lieblichen Wein seiner Heimat.
Das Loch, dem er sich näherte und das sein Ziel darstellte, war ein aus mehreren Räumen bestehendes und unter dem Tee- und Gasthaus Suryas gelegenes Kellergelass, eines der angeseheneren Häuser im dritten Kreis von Nashik. Surya, früher ein Narasimha, der sich als Kneipier zur Ruhe gesetzt hatte, nachdem ihm ein Leviathan im Großen Ozean den linken Arm abgerissen hatte, unterhielt den Treffpunkt, den alle, die ihn kannten, liebevoll Loch nannten. Nicht aus Nashik stammende Narasimha konnten nur unter zwei Bedingungen das Loch aufsuchen: wenn jemand Surya persönlich bekannt war oder auf Empfehlung eines oder einer ihm bekannten Narasimha. Wer den Rückzugsort in Anspruch nehmen wollte, zahlte eine Leliondár-Gebühr oder auch nur für die Anzahl der Tage, die er dort zu Besuch weilte.
Das Gasthaus hatte einen gewöhnlichen Keller, in dem Surya Lebensmittel, Ersatzgeschirr und, in einem abgelegenen Winkel, auch die Errungenschaften sowie seine Ausrüstung aus der Zeit als Narasimha lagerte, wo sie vor sich hin staubten. Für das unwissende Auge verborgen, befand sich im hintersten Winkel eine schwere, verriegelte Holztür mit einem verschließbaren Guckloch, das etwa in Mannshöhe angebracht war.
Dahinter, in einem Vorraum, räkelte sich Sinta auf mehreren Sitzkissen und trank Masala Chai, der dampfend und nach ihrer byzantinischen Lieblingsgewürzmischung duftend auf einem Tischchen vor ihr stand. Sie war ebenfalls eine ehemalige Narasimha, die es nicht so gut getroffen hatte wie Surya. Sie hatte die rechte Hand, das linke Auge und das rechte Ohr verloren. Was sie dermaßen verunstaltet hatte, hatte sie nie jemandem erzählt und man sprach sie auch besser nicht darauf an. Ihr von Falten durchzogenes Gesicht und ihre drahtige, etwas knochige Gestalt verrieten darüber hinaus, dass Surya sie wahrscheinlich bald auf das Altenteil würde entlassen müssen. Neben ihr lag ein langer, dunkel glänzender Holzstab und im Gürtel trug sie ein Schlangenkris in einer reich verzierten Scheide.
Es klopfte an der Tür. Sinta, die ihren Tee trank, verzog das Gesicht und brummte. Als es zum zweiten Mal klopfte, diesmal energischer, stand sie trotz ihres fortgeschrittenen Alters geschmeidig auf.
»Ja, ja! Nur die Ruhe, ich komme schon!«
Sie sah durch das Guckloch, grunzte und öffnete dann die Tür.
»Alte Frau, lass mich doch nicht so lange warten an der Pforte zur Glückseligkeit!«
Der Mann, der im Eingang stand, lachte lauthals und klopfte Sinta auf die Schulter. Er sprach mit einem deutlichen Akzent.
»Wenn du mich noch einmal ›alte Frau‹ nennst, Artabásdos, breche ich dir alle Knochen im Leib, byzantinisches Bürschchen!«, knurrte Sinta.
Er wich zwei Schritte in Richtung Durchgang zurück und lachte wieder, diesmal etwas gekünstelt. Der als Artabásdos Angesprochene war ein Hüne von Mann, mit Muskeln bepackt, vollständig in Leder gekleidet. Wahrscheinlich hätte er Sinta ohne Mühe entzweibrechen können, doch man merkte ihm eine gewisse Nervosität an.
»Ach komm, Sinta, meine Liebe! Ich scherze doch nur mit dich, sei nicht böse auf mich!«
»Es heißt ›mit dir‹. Und vermeide einfach, ›meine Liebe‹ zu sagen, wenn du den Abend erleben willst! Gib mir deine Waffen, schleich dich und lass mich in Ruhe meinen Tee trinken!«
Artabásdos kam der Aufforderung ohne zu zögern nach und händigte Sinta seine Zwillingsschwerter und seinen Dolch aus, die sie in einem in der Wand eingelassenen Spind gewissenhaft verstaute, den sie daraufhin mit einem Schloss sicherte. Den dazu passenden Schlüssel trug sie um den Hals. Artabásdos schlug den Stoffvorhang zurück, während sich Sinta grunzend wieder hinsetzte und ihn keines Blickes mehr würdigte.
Für die Narasimha, die hier als seine Gäste erschienen, hatte Surya keine Kosten gescheut, denn alle Räume, einschließlich des Vorraums, waren großzügig mit ein, zwei oder drei mittelgroßen Orangencalcit-Leuchtkristallen ausgeleuchtet, die ein sanftes orangenes Licht verbreiteten. Alle Räume hatte Surya mit bunten Wandbehängen auskleiden lassen, die ineinander verschlungene Blumenmuster zeigten.
Der erste große Raum des Lochs, den Artabásdos betrat, war mit einigen niedrigen runden Tischen sowie bunt bestickten Kissen und Bodensofas bestückt. Er wurde für Gespräche und diverse Glücksspiele genutzt. Hier bekamen die Narasimha kleine Mahlzeiten und etwas zu trinken, allerdings nichts Alkoholisches. Über einen Lastenaufzug, der in die Küche des Gasthauses hinauffuhr, konnte für Nachschub gesorgt werden. Zwei Bedienstete arbeiteten nur zu diesem Zweck hier unten. Mehrere kleine Nebenzimmer, die über einen Gang zu erreichen waren, der von dem Eingangsraum wegführte, konnten für private Gespräche oder Zusammenkünfte genutzt werden. Zwei größere Räume dienten als Ruheräume, in die sich Narasimha zum Schlafen zurückzogen oder sich mit beruhigenden oder anregenden Substanzen ein wenig entspannten.
Im ersten Raum befanden sich derzeit nur wenige Narasimha an mehreren Tischchen. Sie grüßten Artabásdos beiläufig, so wie er sie auch, während ihn sein Weg durch den Raum zu dem Gang führte, um dann in die einzelnen Ruheräume zu schauen.
»Purusha! Schön, dich zu sehen!«, rief Artabásdos aus, als er fündig wurde.
Der Angesprochene lag in einem Haufen Kissen, neben sich ein Tischchen mit Aschenbecher, mehrere Stumpen darin, daneben einige geleerte Gläser. Ein halb volles hielt er noch in der Hand.
Artabásdos setzte sich in eine Kissenburg direkt neben Purusha.
»Ah! Áfrasankraut. Ich würd das Zeug ja meiden. Gefährlich! Vor allem, wenn du’s rauchst und trinkst!«
»Danke für deine Fürsorglichkeit, aber ich brauche sie nicht!«
»Ich hab’ einen Auftrag für dich«, begann Artabásdos ohne Umschweife.
»Ich brauche keine Aufträge von dir, ich bin gut versorgt!«
Artabásdos neigte sich ihm zu und flüsterte geheimnisvoll: »Glaub mir, es ist nicht einfach ein Auftrag. Es ist eher eine Wette, eine Wette auf dein Leben …«
Der Geruch von Knoblauch wurde penetrant. Artabásdos aß immer und zu jeder Zeit Knoblauch. Er schien aus jeder Pore seines Körpers zu dringen. Ein Geruch, der in Purusha jedes Mal Übelkeit aufsteigen ließ.
»Wovon redest du? Sprich nicht in Rätseln, Artabásdos, ich habe keinen Nerv für deine Spielchen«, erwiderte Purusha und versuchte, etwas abzurücken, was ihm misslang, da er zu benebelt und die Kissen, in denen sein Körper versunken war, ihn nicht freiließen.
Artabásdos lachte gönnerhaft und klopfte Purusha kumpelhaft auf die Schulter.
»Immer unnahbar, immer mies gelaunt. Ich mein es ernst. Eine schöne Wette. Der Händler Volúsian Akropólites, den kennst du, oder? Dieser knickrige, aber stinkreiche Furz aus Tartaros’ Arsch hat wirklich und wahrhaftig eine Wette vorgeschlagen. Zwei erfahrene Narasimha, zwei Aufträge, zwei Vorauszahlungen, zwei Prämien bei Lieferung!«
Artabásdos sah Purusha erwartungsvoll an. Aber der Nebel in Purushas Kopf verdichtete sich, er wollte in Ruhe gelassen werden! Als er nicht antwortete, sprach Artabásdos weiter, ohne das Schweigen Purushas zu beachten.
»Und was sind jetzt diese Aufträge? Oh, du wirst staunen! Der eine wird in die Große Senke geschickt, der andere in das Verlorene Land.«
Artabásdos setzte wieder eine dramatische Pause. Diesmal lichtete sich der Nebel ein wenig und Purusha fragte: »Was?«
»In die Große Senke und das Verlorene Land. Ja, du hast richtig gehört, mein Lieber!«
»Sag nicht ›mein Lieber‹! Das ist so, als würdest du mich in den Arsch pimpern!«
Artabásdos lachte schallend, woraufhin sich ihnen zwei andere benebelte Köpfe zuwandten. Als nichts weiter geschah, wandten sie sich wieder ab.
»Also in die Große Senke und das Verlorene Land. Was hat das mit mir zu tun. Sehe ich so aus, als sei ich so von allen Asú verlassen, dass es mich zu einem der beiden Orte hinzieht?«
»Nein, natürlich nicht!«, beeilte sich Artabásdos zu bestätigen, »aber die Belohnung ist wahnwitzig hoch und die Prämie un-glaub-lich!«
»Genau! Damit der Anreiz hoch genug ist und sich wenigstens ein paar Verrückte finden, die sich zur Belustigung aller zum Narren machen! Und gestatte mir eine Frage: Weshalb kommst du mit diesem grandiosen Angebot ausgerechnet zu mir?«
»Grandiwas?«
»Das bedeutet ›großartig‹!« seufzte Purusha und versuchte, im Nebel des Rauschkrauts abzutauchen.
»Ah ja! Na, weil sich niemand gefunden hat bisher, trotz des grandiosen Angebots!«
»Und deswegen war es überflüssig, zu mir zu kommen!« Der Nebel erwartete ihn.
»Zehntausend Gold-Rupya für alle, die teilnehmen. Nochmal zehntausend für den Ersten, der heil zurückkommt, fünftausend für Nummer zwei. Ach ja, und das Auge Vedánya für den Sieger …«
© by Marcel Meder 2026
Ende von Kapitel I